
Warum hohe Ansprüche nicht das Problem sind und wann es gesund ist, einen Punkt zu setzen
Einer meiner Lieblingssätze lautet: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Ich mag ihn, weil er dem geradlinigen Lebenslauf etwas entgegensetzt. Nicht jeder Schritt muss uns auf direktem Weg ans geplante Ziel bringen, um wertvoll zu sein.
Rückblickend ist bei mir gerade aus „Umwegen“ Neues entstanden: Trennung, Neuanfang, eine neue Liebe und die Rückkehr in die Selbstständigkeit. Nicht alles lief nach Plan. Und trotzdem ist daraus mein wundervolles Leben geworden.
Ich bin noch lange nicht fertig. Und das ist gut so. Entwicklung hört nicht auf, nur weil wir glauben, längst angekommen sein zu müssen.
Vielleicht wünsche ich mir gerade deshalb für meine Enkel Emilio und Marino, dass sie ausprobieren, Fehler machen und neu anfangen dürfen. Und dass sie einen Umweg nicht gleich mit Scheitern verwechseln.
Wenn die innere Qualitätskontrolle Überstunden macht
Kindern gestehen wir Entwicklung zu. Wir sagen: Probier es noch einmal. Lass dir Zeit. Ein Fehler ist für uns ein Teil ihres Lernens.
Bei uns selbst klingt das häufig anders. Erwachsene sollten es können. Sie sollen funktionieren, Verantwortung übernehmen und möglichst keine Fehler machen. Als wäre Erwachsensein irgendwann gleichbedeutend mit Fertigsein.
Eine Aufgabe ist dann nicht fertig, wenn sie ihren Zweck erfüllt, sondern erst, wenn wir nichts mehr daran verbessern können. Habe ich an alles gedacht? War das gut genug? Was werden die anderen sagen? Der Arbeitstag endet. Die innere Qualitätskontrolle jedoch macht Überstunden.
Hohe Ansprüche sind nicht das Problem
Sorgfalt, Verlässlichkeit und der Wunsch, gute Arbeit zu leisten, sind wertvoll. In meinen Seminaren, Beratungen und Coachings höre ich immer wieder: „Für mich ist gut genug keine Lösung. Ich möchte 100 oder sogar 120 Prozent abliefern.“
Diesen Anspruch darfst du haben. Aber nicht jede Aufgabe braucht dieselben 100 oder 120 Prozent. Professionalität zeigt sich auch darin, zu unterscheiden, wo höchste Genauigkeit notwendig ist und wo ein gutes, zweckmäßiges Ergebnis reicht.
Eine Metaanalyse mit 43 Studien und fast 10.000 Menschen zeigt: Vor allem die Angst vor Fehlern, Zweifel an der eigenen Leistung und das Gefühl, nie gut genug zu sein, stehen mit Burnout in Zusammenhang. Hohe persönliche Standards allein sind dagegen nicht automatisch schädlich.
Der Preis der letzten fünf Prozent
Perfektionismus tarnt sich gern als Professionalität. Manchmal verbringen wir viel Zeit mit den letzten fünf Prozent, nicht weil sie das Ergebnis entscheidend verbessern, sondern weil wir uns noch nicht trauen, einen Punkt zu setzen.
Meine Tochter hat das in ihrer Zeit als Assistenzärztin erlebt. Sie verbrachte viel Zeit damit, perfekte Arztbriefe zu schreiben. Dabei musste sie für sich erkennen, dass nicht jede Aufgabe denselben Anspruch an Perfektion stellt. Im OP geht es um die Sicherheit eines Menschen - mitunter um Leben und Tod. Dort braucht es höchste Konzentration und Genauigkeit.
Ein Arztbrief muss medizinisch korrekt, vollständig und klar sein. Der weiterbehandelnde Arzt muss verstehen, was geschehen ist und wie es weitergeht. Aber der Brief muss weder sprachlich makellos noch in Schönschrift verfasst sein.
„Gut genug“ bedeutet nicht schlampig. Es bedeutet: die zur Aufgabe passende Qualität.
Der Augenblick, in dem wir noch wählen können
Bei Perfektionismus liegt dieser Augenblick dort, wo wir merken: Die Aufgabe erfüllt ihren Zweck. Ich könnte noch weiter optimieren, aber ich kann mich auch entscheiden, für heute einen Punkt zu setzen.
„Gut genug“ ist dann keine Kapitulation. Es ist eine bewusste Entscheidung, meine Energie nicht in eine weitere, unnötige Runde zu stecken. Du kennst mein Credo: Leistung und Gesundheit sind kein Widerspruch.

Wir warten auf den Urlaub, um uns zu erholen. Dabei braucht unser Kopf auch im Alltag Momente, in denen er loslassen darf.

Im Oktober wird Sabine Steinbecks erstes Buch „Sterne leben“ fünf Jahre alt. Beim erneuten Blättern entdeckt sie einen roten Faden, der von den damaligen Gesprächen über Spitzenleistung bis zu ihrer heutigen Arbeit unter der Dachmarke 5 vor Burnout® führt: Wie können wir viel leisten, ohne uns dabei selbst zu verlieren?

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