30. Juli 2026

Wir sind mehr als die Rolle, in der wir funktionieren

Was „The Life of Chuck“ und Walt Whitman mit gesunder Selbstführung zu tun haben

Am Samstagabend habe ich beim alljährlichen Open-Air-Filmfestival „Wiesenflimmern“ auf der Streuobstwiese in Niederrode „The Life of Chuck“ gesehen.

Ein Satz aus Walt Whitmans „Song of Myself“ ging danach mit mir nach Hause: „Ich enthalte Vielheiten.“

Ich mag Sätze, die sich nicht sofort vollständig erklären lassen. Dieser gehört dazu. Whitman verbindet den Gedanken mit dem Recht, sich zu widersprechen. Wir müssen nicht immer eindeutig sein. In uns dürfen verschiedene Seiten, Wünsche und Möglichkeiten nebeneinander existieren.

Auch Chuck ist nicht nur das, was man auf den ersten Blick sieht. Er ist Buchhalter, Ehemann und Vater. Und er ist ein Tänzer. In einer wunderbaren Szene hört er auf der Straße Musik, bleibt stehen und beginnt zu tanzen. Für einen Moment tritt eine Seite hervor, die in seinem normalen Arbeitsalltag vermutlich kaum jemand vermutet hätte.

Beides ist wahr: der Mann mit den Zahlen und der Mann, der tanzt.

Wenn aus vielen Seiten nur noch eine wird

Unser Alltag verlangt häufig etwas anderes von uns. Wir sollen verlässlich sein, Entscheidungen treffen, Termine einhalten und Probleme lösen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Schwierig wird es, wenn die Seite, die funktioniert, immer mehr Raum einnimmt und alle anderen langsam an den Rand drängt.

Eine Freundin sagte neulich zu mir: „Mein Leben ist eine einzige To-do-Liste.“ Ich wusste sofort, was sie meinte. Das Buch bleibt ungelesen liegen. Der Anruf bei einer Freundin wird auf nächste Woche verschoben. Für Musik, Neugier oder Albernheiten ist gerade keine Zeit. Selbst ein freier Abend wird noch schnell mit etwas Sinnvollem gefüllt.

Die anderen Seiten verschwinden nicht. Aber sie werden leiser. Irgendwann wissen wir sehr genau, was von uns erwartet wird und immer weniger, was uns selbst eigentlich Freude macht. Für mich ist das einer der leisen Warnhinweise auf dem Weg in die Erschöpfung: Unser Alltag besteht immer mehr aus Aufgaben und immer weniger aus dem, was uns Freude macht.

Nicht jede Seite muss nützlich sein

Wenn wir Erholung, Bewegung und Freundschaften nur noch danach beurteilen, ob sie unsere Leistungsfähigkeit steigern, haben wir aus dem ganzen Leben ein (Selbst)Optimierungsprogramm gemacht. Dann wird sogar der Spaziergang zur Maßnahme und das Hobby bekommt heimlich eine Zielvereinbarung.

Unsere Vielheiten sind aber keine zusätzliche Aufgabenliste. Nicht jede Seite von uns muss produktiv, vernünftig oder vorzeigbar sein. Da darf die Leserin sein, die Tänzerin, die Großmutter, die Neugierige, die Müde und auch die Frau, die gerade überhaupt nichts Sinnvolles tut.

Die leistungsfähige Seite gehört selbstverständlich dazu. Sie darf nur nicht glauben, sie sei für das ganze Leben allein zuständig.

Wir dürfen widersprüchlich sein

Wir können stark sein und trotzdem müde. Verantwortung übernehmen und Unterstützung brauchen. Strukturiert arbeiten und spontan tanzen. Gesunde Selbstführung bedeutet für mich nicht, jederzeit allen Seiten gleich viel Raum zu geben. Aber wir sollten bemerken, wenn über Monate nur noch die Seite von uns gefragt ist, die die funktioniert und alle anderen kaum noch vorkommen.

Vielleicht hat mich der Satz „Ich enthalte Vielheiten“ deshalb so beschäftigt, weil sich die Frage aufdrängt: Was bin ich eigentlich alles, jenseits der Rolle, in der ich funktioniere? Welche Seiten und Rollen machen mir Freude? Und lebe ich sie noch oder sind sie im Alltag ein wenig unter den Teppich geraten? Es geht nicht darum, noch mehr aus unserem Leben herauszuholen. Es geht darum, wieder wahrzunehmen, was längst zu uns gehört - und diesen Seiten wieder Raum zu geben.

Der Augenblick, in dem wir noch wählen können

Bei diesem Thema liegt der Augenblick dort, wo wir merken: Ich bin gerade nur noch diejenige, die funktioniert. Dann können wir einer anderen Seite wieder ein wenig Raum geben - mit Musik, einem Gespräch, zehn Minuten Nichtstun oder vielleicht sogar einem Tanz 💃

Das verändert nicht sofort unser ganzes Leben. Aber es erinnert uns daran, dass wir mehr sind als unsere Aufgaben. Leistung und Gesundheit sind kein Widerspruch. Auf Dauer leistungsfähig bleiben wir aber nicht, indem wir uns auf Leistung reduzieren.