
Ich habe einen Würfel mit verschiedenen Antworten. Zwei Seiten sagen Ja, zwei andere Nein. Und weil es ein besonderer Würfel ist, gibt es auch noch zwei Seiten mit Jain. Genau diesen kleinen Zwischenraum brauchen wir im Arbeitsalltag: eine Antwort, die noch keine Zusage ist und uns Zeit gibt, darüber nach zu denken.
„Kannst du kurz …?“ Die Frage dauert wenige Sekunden. Sage ich zu schnell Ja, kann mir die Aufgabe den ganzen Tag durcheinanderwirbeln. Erst später schaue ich in den Kalender und merke: Das bekomme ich gar nicht mehr unter. Also streiche ich die Pause, verschiebe meine eigenen Aufgaben oder bleibe wieder länger.
Ein einzelner Gefallen ist selten das Problem. Anstrengend wird es, wenn aus vielen kleinen Zusagen ein Arbeitstag entsteht, dessen Prioritäten niemand mehr überblickt. Hilfsbereitschaft ist eine Stärke, davon bin ich fest überzeugt. Gleichzeitig kann jede Stärke zu einer Schwäche werden, wenn wir sie überziehen. Bei der Hilfsbereitschaft passiert das spätestens dann, wenn wir unsere eigenen Grenzen nicht mehr ernst nehmen.
So ein schnelles Ja kann eine längere Geschichte haben. Vielleicht möchten wir niemanden vor den Kopf stoßen. Vielleicht haben wirAngst, nicht mehr gemocht zu werden. Manchmal glauben wir auch, unsereSchultern sind breiter als die der anderen – das sind sie häufig sogar auch. Oder wir befürchten, ein Nein könnte beim Vorgesetzten so ankommen, als könnten wir die Aufgabe nicht lösen. Die Gründe sind ganz unterschiedlich. Und manchmal liegt es auch an der Kultur im Team, in der ein Nein kaum Platz hat.
Ein Jain muss keine ausweichende Antwort sein. Ich muss es nicht einmal laut aussprechen. Das Jain erinnert mich daran, kurz zu hinterfragen: Was genau wird gebraucht? Bis wann? Und was müsste dafür warten? Welchen Preis würde ich dafür zahlen? Erst dann kann ich sagen, ob ein Ja möglich ist.
Im Alltag kann das so klingen:
„Ja, lass mich nachschauen. Ich gebe dir später Bescheid, ob ich es schaffe.“
„Ja, wenn es bis Freitag Zeit hat.“
„Ja, wenn wir dafür den Bericht auf nächste Woche verschieben können.“
Somit ist das Ja im ersten Moment noch keine Zusage. Es bedeutet: Ich nehme deine Frage ernst und prüfe, ob ich es schaffe. Bei den anderen Sätzen wird klar, unter welchen Bedingungen ich übernehmen kann. So bekommen wir Klarheit, ob der Termin verschiebbar ist oder welche Aufgabe warten darf.
Wenn weder Zeit noch Spielraum da sind, darf die Antwort ein klares Nein sein: „Ich kann das diese Woche nicht übernehmen.“ Das ist zunächst vielleicht unangenehm. Eine ehrliche Absage hilft jedoch mehr als eine Zusage, die nur mit Überstunden oder auf Kosten anderer Aufgaben einzuhalten ist.
Ein Nein fällt nicht in jeder Rolle gleich leicht – auch Führungskräften nicht. Manchmal glauben sie, sie müssten jede zusätzliche Aufgabe auffangen und dürften selbst keine Grenze setzen. Wenn uns ein Nein schwerfällt, lohnt sich nochmal die ehrliche Frage: Was befürchte ich eigentlich – jemanden zu enttäuschen, weniger kompetent zu wirken oder meiner Rolle nicht gerecht zu werden? Dann geht es um Prioritäten: Was ist dringend,was darf warten, wer kann übernehmen? Auch Führungskräfte dürfen und müssen Nein sagen und im Team deutlich machen, dass nicht alles gleichzeitig geht. Das erfordert schon unsere Rolle als Vorbild. Wenn das nicht geklärt ist, bleibt das Jain nur ein höfliches Wort für ein Problem, das niemand löst.
Für mich ist das ein typischer Moment für 5 vor Burnout®: Wir merken, dass eine weitere Zusage eng werden könnte. Noch ist nichts entschieden. Genau hier können wir innehalten und nachfragen.
Daraus lässt sich ein einfacher Entschluss fassen: Bei einer neuen Bitte sage ich niemals reflexhaft zu. Ich verschaffe mir erst Zeit und einen Überblick und sage dann, was möglich ist. Mal wird daraus ein Ja, wenn etwas anderes warten kann. Mal ein ehrliches Nein. Leistung und Gesundheit sind nun mal kein Widerspruch. Das Jain auf meinem Würfel erinnert mich daran, meine Grenzen ernst zu nehmen und sie auszusprechen.

Ein„Kannst du kurz?“ ist schnell gesagt. Bevor wir unsere Pause streichen oder Aufgaben verschieben, hilft ein kleiner Zwischenraum: erst nachschauen, dann ehrlich antworten.

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