
Eine volle Aufgabenliste kann stressen. Doch Stress im Arbeitsalltag entsteht nicht nur durch zu viele Aufgaben. Noch anstrengender wird es, wenn Erwartungen im Job unklar sind und wir nicht wissen, welche Aufgabe wirklich Vorrang hat.
Montagmorgen. Im Postfach wartet eine Nachricht mit der Bitte: „Könntest du da heute noch einmal draufschauen?“ Gleichzeitig soll ein Projekt unbedingt vorankommen, eine Kollegin braucht eine Entscheidung und zwischendurch kommt noch etwas „ganz Dringendes“ dazu.
Alles scheint wichtig. Aber niemand sagt, was warten darf.
Also versuchen wir, möglichst allem gerecht zu werden. Wir springen zwischen Aufgaben hin und her, prüfen Entscheidungen doppelt und fragen uns immer wieder: Mache ich gerade eigentlich das Richtige/Wichtige?
Am Abend ist vieles bearbeitet und trotzdem bleibt das ungute Gefühl, nicht wirklich vorangekommen zu sein. „Wieder nix geschafft.“
In der Arbeitspsychologie spricht man von Rollenunklarheit, wenn nicht eindeutig ist, was von uns erwartet wird, wofür wir verantwortlich sind oder woran gute Arbeit gemessen wird.
Das klingt zunächst weniger dramatisch als eine übervolle Aufgabenliste, die vermutlich jede*r von uns hat. Doch eine aktuelle Metaanalyse, die Forschung aus rund 60 Jahren zusammenfasst, zeigt: Rollenunklarheit ist keineswegs eine Kleinigkeit. Sie hängt unter anderem mit geringerer Arbeitszufriedenheit, schwächerer Bindung und schlechterer Leistung zusammen.
Das leuchtet ein. Wenn die Richtung fehlt, arbeiten wir nicht nur an einer Aufgabe. Im Hintergrund läuft ständig ein zweiter Prozess mit: Was ist jetzt richtig? Was wird erwartet? Habe ich etwas übersehen?
Diese innere Suchbewegung kostet Energie.
Unklarheit lässt sich nicht mit einem besseren Zeitplan beseitigen. Trotzdem versuchen viele von uns genau das: Wir arbeiten länger, reagieren schneller und kontrollieren gründlicher. Wir werden noch gewissenhafter, obwohl eigentlich ein klärendes Gespräch nötig wäre.
In meinem letzten Beitrag „Warum mehr Zeit nicht immer die Lösung ist“ ging es darum, dass Entlastung nicht nur durch einen besseren Zeitplan entsteht. Genau hier setzt dieser Gedanke an: Manchmal brauchen wir nicht mehr Zeit, sondern eine klare Antwort auf die Frage, was wirklich zählt.
Diese Klarheit herzustellen, ist nicht allein Aufgabe der Beschäftigten. Führungskräfte sollten Prioritäten benennen, Zuständigkeiten klären und deutlich sagen, was warten darf. Gute Führung bedeutet dabei nicht, auf alles sofort eine Antwort zu haben. Sie bedeutet auch, Unsicherheit offen anzusprechen und gemeinsam Orientierung zu schaffen.
Wenn wir merken, dass wir anfangen zu raten, statt zu arbeiten, können drei Fragen helfen:
Diese Fragen sind kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit. Im Gegenteil: Sie verhindern, dass wir unsere Kraft in widersprüchliche Erwartungen und unnötige Schleifen stecken.
Natürlich lässt sich nicht jede Unklarheit sofort auflösen. Veränderungen, neue Projekte oder schwierige Situationen bringen Unsicherheit mit sich. Aber es macht einen Unterschied, ob wir sie gemeinsam benennen oder ob jede und jeder für sich versucht, die Lücken durch noch mehr Einsatz zu füllen.
Der 5-vor-Burnout®-Moment beginnt manchmal genau dort, wo wir merken: Ich arbeite gerade immer härter, obwohl mir eigentlich die Richtung fehlt.
Dann können wir weitermachen, hoffen und raten. Oder wir halten kurz inne und stellen eine konkrete Frage.
Leistung und Gesundheit sind kein Widerspruch. Aber Leistung braucht Orientierung. Klarheit macht die Aufgaben nicht automatisch weniger. Sie macht sichtbar, wohin unsere Energie fließen soll – und wohin nicht.
Vielleicht ist die wichtigste Frage für morgen deshalb nicht: Wie schaffe ich noch mehr?
Sondern: Was muss geklärt werden, damit ich meine Kraft nicht länger ins Raten stecke?

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Nicht nur zu viele Aufgaben machen Stress. Auch unklare Erwartungen im Job, wechselnde Prioritäten und diffuse Zuständigkeiten kosten Kraft. Warum mehr Einsatz dieses Problem nicht löst – und welche drei Fragen für Klarheit sorgen.

Wir wünschen uns mehr Zeit, um endlich alles zu schaffen. Doch Entlastung entsteht nicht nur durch ein besseres System, sondern auch durch die Entscheidung, was künftig weniger Raum bekommen soll.

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